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So mischen Wichtel die Advents- und Weihnachtszeit auf

© gettyimages, filippobacciWichtelEinige Familien haben Bräuche rund um den Weihnachtswichtel eingeführt - dazu gehört auch eine Wichteltür

Viele Kinder haben großen Spaß an den Wünschen, Streichen und Aufmerksamkeiten der Weihnachtswichtel. Inzwischen sind sie fester Bestandteil in so mancher Familie während der Advents- und Weihnachtszeit. Wie schätzen die evangelische Pröpstin Henriette Crüwell und die Religionspädagogik-Expertin Benoit den Trend aus christlicher Perspektive ein?

 „Schon in meiner Zeit als Gemeindepfarrerin hatte ich den Eindruck, dass im evangelischen Kindergarten fast jedes Kind zu Hause eine Wichteltür in der Adventszeit hat. Sie haben dann in ihren Gruppen davon erzählt, was die Wichtel alles angestellt haben“, erzählt Henriette Crüwell, seit September 2022 ist sie Pröpstin für Rheinhessen und Nassauer Land. Dennoch gebe es auch einige Familien, für die der Weihnachtswichtel noch unbekannt sei, so hat Pfarrerin Barbara Benoit in einigen Gesprächen festgestellt. Sie ist für die religionspädagogische Fachberatung im Fachbereich Kindertagesstätten im Zentrum Bildung der EKHN zuständig.

Worum geht es beim Weihnachtswichtel-Trend?

Für den Weihnachtswichtel-Brauch spielt eine kleine, gebastelte Wichteltür, die an einer Wand über der Fußleiste angebracht wird, eine wichtige Rolle. Die Vorstellung ist, dass durch die Mini-Tür die Wichtel nachts eintreten. Die Wichtel sollen allerdings nur im Verborgenen wirken, werden sie von Menschen gesehen, verlieren sie ihre Kraft. Tatsächlich hinterlassen die Eltern die Spuren der Wichtel. Sie legen für die Kinder während der Adventszeit Wichtel-Briefe mit Wünschen an die Kinder aus, in der sie beispielsweise um einen Fingerhut voll Milch oder an Heiligabend um ein Schälchen warmer Grütze oder Milchreis gebeten werden. Die Kinder erhalten aber ab und zu auch kleine Geschenke oder staunen über charmante Streiche der Wichtel.

Wichtelbrauch als Sinnbild für Nächstenliebe

Für Religionspädagogin Benoit haben die Wichtel-Bräuche einen Vorteil für die Eltern: „Sie müssen nicht mit einem Mal 24 Kalender-Säckchen befüllen, sondern können nach und nach zu gemeinsamen Aktionen motivieren, die ohnehin im Advent angesagt sind – wie beim Plätzchenbacken helfen oder Vögel füttern.“ Auch Pröpstin Crüwell beobachtet den Trend interessiert: „Manche Kinder haben mittlerweile vier Adventskalender. Diesem Geschenkewahnsinn setzt der Einzug des Weihnachtswichtels etwas entgegen: Ich finde die Idee sympathisch, dass hier die Kinder nicht nur etwas bekommen, sondern auch etwas für den Wichtel tun können.“ Zudem gelten die Wichtel selbst als freundliche, hilfsbereite Wesen. „Der Wichtelbrauch versinnbildlicht für mich den christlichen Wert der Nächstenliebe. Hier können Kinder eine weihnachtliche Haltung einüben.“ Beispielsweise könne ein Brief im Namen des Wichtels das Kind darum bitten, ihm ein Bild zu malen. „Damit lernen kleine Kinder spielerisch, wie sie das Leben eines anderen heller zu machen können, für ihn zu sorgen“, erklärt Pröpstin Crüwell. Umgekehrt bekommen die Kinder aber auch ab und zu eine schokoladige Überraschung des Wichtels, wofür im Hintergrund die Eltern sorgen.

Voraussetzung für Gottvertrauen in magischer Entwicklungsphase

Die Aktionen rund um den Wichtel sprechen gerade Kinder an, die sich in der magischen Phase befinden, so ab dem 3. Lebensjahr bis ins Grundschulalter hinein. „In diesem Alter unterhalten sich Kinder auch ganz selbstverständlich mit ihrem Teddy und sprechen ihm Gefühle zu“, erklärt Barbara Benoit. Es sei eine entwicklungspsychologische Einsicht, dass ein Stofftier oder eine Puppe als verfügbares Übergangsobjekt für die Entwicklung eines vertrauensvollen Weltverhältnisses hilfreich  sei. „Eine ähnliche Rolle spielt der Wichtel: Das Kind erfährt spielerisch die Verbindung zu einer Gestalt, die es gut mit ihm meint. Der Wichtel kommuniziert mit dem Kind über die kleinen Briefe und möchte ihm helfen, seine Welt gut zu gestalten,“ erklärt Pfarrerin Benoit. Durch die Traumaforscherin Luise Reddemann sei bekannt geworden, wie sehr es die seelische Widerstandskraft von Kindern und Erwachsenen stärke, wenn sie sich hilfreiche Begleiter vorstellen, die gute Werte und wachsendes Vertrauen innerlich verstärken. Der Teddy, aber auch Engel oder Phantasiefiguren können solche guten Mächte sein. Barbara Benoit geht davon aus, dass auch Wichtelbräuche eine solche Rolle spielen können: „Das Erlebnis mit dem Wichtel: Da ist ein guter Geist, der mich begleitet und der es gut mit mir meint, kann die Entwicklung des Vertrauens in die Welt stärken. Sich ‚von guten Mächten‘ begleitet zu erleben, sei einer von mehreren Bausteinen, die das Entstehen von „Vertrauensglauben“ fördern. Dabei ist neben dem Wichtel auch die Beziehung zu den am Spiel beteiligten Eltern wichtig.

Unterscheiden zwischen Phantasiewelt und Schwindel

Belügen Eltern ihre Kinder, wenn sie eine Wichtelwelt inszenieren? Pfarrerin Benoit erklärt die Wichtelbräuche als ein symbolisches Spiel. „Die Adventszeit ist eine Zeit voller Wunder. Die Wichtelbräuche passen in diesen besonderen Resonanzraum“, so Barbara Benoit. Wenn Kinder ihre Eltern direkt fragen, ob es Wichtel tatsächlich gebe, sei laut Pfarrerin Benoit eine Möglichkeit zu sagen, dass man es nicht wirklich wisse - aber dass „es unheimlich viel Spaß macht, zu spielen, dass der Wichtel bei uns ist.“ Kindern den „Glauben“ an den Wichtel unbedingt erhalten zu wollen, auch wenn sie zweifeln, davon rät Barbara Benoit ab. „Wenn sie danach fragen, sind Kinder selbst schon dabei, das Spiel zu durchschauen. Sie wollen dann zwischen Phantasie und der realen Welt unterscheiden. Die magische Phase kommt an ihr Ende. Es ist aber auch mit dem Wissen, dass es eine Inszenierung ist, möglich die Wichtelaktionen zu genießen.“ Dabei sei für sie ein deutlicher Unterschied zwischen dem Wichtel-Spiel und einer Glaubensbeziehung zu Gott. „Gott ist kein magisches Weihnachtswesen.“ Gott sei im Unterschied zum Wichtel auch in Schwerem nahe, durch Gebet zu allen Zeiten erreichbar. Sie halte sich an die Empfehlung der Religionspädagogik-Professorin Anna-Katharina Szagun, wonach man in Glaubensfragen Kindern sagen solle, woran man selbst glaubt und was man später nicht zurücknehmen müsse. Alles andere könne zu einem „Enttäuschungsatheismus“ führen.

Wichtel als Ergänzung zu christlichen Weihnachtsbräuchen

Mögliche Bedenken, dass sich mit den Wichteln der Aberglaube in der Advents- und Weihnachtszeit einzieht, kann Pröpstin Henriette Crüwell nicht nachvollziehen: „Ich sehe die Wichtel als Sagenfiguren. Selbst in die Figur des Weihnachtsmannes fließen neben der Vorstellung über den christlichen Nikolaus von Myra auch alte, mythische Vorstellungen von Knecht Ruprecht ein.“ Auch Pfarrerin Benoit macht deutlich, dass der Umgang mit dem Wichtel keine religiöse Handlung sei, sondern ein Phantasiespiel. Dabei können Aktionen rund um den Wichtel ganz weltlich angelegt sein. Sie lassen sich aber auch gut mit christlichen Weihnachtsbräuchen verbinden. Die evangelische Religionspädagogin erzählt: „Eine Familie in Norwegen hat für den Wichtel eine winzige Weihnachtskrippe gestaltet.“ In vielen skandinavischen Familien, in denen der Wichtel Einzug gehalten habe, werde am Heiligen Abend ganz selbstverständlich die biblische Weihnachtsgeschichte erzählt. Barbara Benoit unterstreicht: „Die Wichtel sind eine Ergänzung, sie ersetzen keinen christlichen Weihnachtsbrauch.“

Ursprünge des Wichtels – Wurzeln auch in Hessen

Ursprünglich kommt der vorweihnachtliche Wichtel-Brauch aus Dänemark und anderen skandinavischen Ländern und verbreitet sich in Deutschland.  Die Wurzeln reichen allerdings weit zurück. Eine der ersten schriftlichen Überlieferungen, in denen Wichtel erwähnt werden, ist die isländische Sage „Edda“ aus dem 13. Jahrhundert. Aber auch im Deutschen Wörterbuch und den gesammelten Märchen der Brüder Grimm werden Wichtel erwähnt. Der Name „Wichtel“ ist die Verkleinerungsform von „Wicht“.
In den nord-östlichen Teilen Hessens schienen Vorstellungen über Wichtel besonders beliebt zu sein, wie der hessischen Sagenschatz zeigt, den Karl Lynker im 19. Jahrhundert gesammelt hat. Er beschreibt die Wichtel so: „Im Allgemeinen stellt das Volk sich dieselben als kleine, daumengroße Wesen mit dicken Köpfen vor, die sich unsichtbar machen können, gern den Menschen kleine Neckereien zufügen, aber auch gern ihnen helfen und Gutes tun.“ Dabei schienen die eigensinnigen, hessischen Wichtel auch der Kirche gerne Streiche zu spielen. So wird erzählt, dass die Einwohner in Asmushausen (bei Bebra in Osthessen) eine Kirche im Tal bauen wollten. Die Wichtelmännchen sollen nachts alles zerstört haben, was tagsüber gebaut wurde „und bauten es auf einer nahen Höhe wieder auf; daher kommt es, dass die Kirche zu Asmushausen auf einer Anhöhe steht.“

[RH, 2022]

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Tu, was zu tun kannst.
Und dann ist gut, denn mehr geht nicht.
Alles weitere kann ich in die Hände Gottes legen
und darauf vertrauen, dass er es wohl gut mit mir meint.
(Carsten Tag zu Prediger 9,10)

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